Warum Berlins legendäres Artemis einem 200-Meter-Kracher weichen könnte

Vom Puff-Pionier zum Power-Tower:
Berlin, Februar 2026 – die Stadt schläft nie, und manchmal wechselt sie einfach radikal die Haut. Aktuelles Beispiel: Das Artemis in Halensee, seit 2005 DAS Großbordell der Hauptstadt, steht offenbar vor dem Aus – zumindest am angestammten Platz direkt an der A100. Stattdessen planen die Betreiber einen Wolkenkratzer, der Berliner Verhältnisse sprengen würde: über 200 Meter hoch, höher als der im Bau befindliche Estrel Tower (176 m) und nur noch vom Fernsehturm (365 m) getoppt.
Der vorläufige Projektname klingt fast schon ironisch seriös: „Messeturm Berlin“ / „Expo Tower Berlin“. Geplant sind Hotelzimmer, möblierte Apartments für Messegäste (das ICC/Messegelände liegt ja quasi gegenüber), Showrooms und Büros – ein klassisches Business-Mixed-Use-Projekt also. Abriss und Neubau wären ein echter Tabubruch in der Berliner Skyline: Vom größten FKK-Tempel der Stadt zum höchsten profanen Gebäude. Berlin halt.
Aber fangen wir vorne an – denn das Artemis ist keine x-beliebige Location. Es hat eine richtige Geschichte.
2005: Als Berlin noch „Bordell Europas“ genannt wurde
Die Eröffnung im September 2005 fiel in eine ganz besondere Zeit. Drei Jahre zuvor (2002) hatte der Bundestag das Prostitutionsgesetz verabschiedet: Prostitution wurde legalisiert, Sexarbeit als „Dienstleistung“ anerkannt, Bordelle durften offiziell werben und Gewerbeanmeldungen abgeben. Deutschland galt plötzlich international als „Bordell Europas“ – ein Label, das teils spöttisch, teils schockiert vergeben wurde.
Genau in dieses Fenster stießen die Brüder Hakki (auch Haki/Hakim) und Kenan Şimşek, türkischstämmige Unternehmer mit Erfahrung im Casino- und Investmentbereich. Hakki Şimşek kaufte ein altes, mehrgeschossiges Lagerhaus an der Halenseestraße – direkt an der Stadtautobahn A100, wo der Verkehrslärm ohnehin alles übertönt. Investitionssumme: rund 5 Millionen Euro. Früh soll auch der schillernde Finanzier Florian Homm (später durch den Zusammenbruch seiner Investmentfirma in die Schlagzeilen geraten) mit investiert haben.
Das Konzept war ambitioniert: Kein schmuddeliger Hinterhof-Club, sondern ein Wellness-Tempel mit Erotik. Vier Stockwerke, knapp 3000 m² Fläche, ein großer Pool, drei Saunen, zwei Kinos, Bars, ein Restaurant-Bereich – und Platz für bis zu 70–100 Sexarbeiterinnen (meist selbstständig) sowie 600 Gäste gleichzeitig. Eintrittspreis damals um die 80–100 € (alles inklusive außer Sex), danach Verhandlungssache.
Das Artemis vermarktete sich als „größter FKK- und Saunaclub Berlins“ – und wurde schnell zum Synonym für den neuen, kommerzialisierten Rotlicht-Mainstream nach der Liberalisierung. Es war laut, es war groß, es war sichtbar – und es polarisierte von Tag eins an.
Höhen und Tiefen: Razzia, Entschuldigung und Dauerstreit
In den ersten Jahren boomte es. Schätzungen sprechen von über 100.000 zahlenden Gästen pro Jahr. Das Artemis wurde zum Wahrzeichen des Berliner Rotlichts – neben dem King George, dem Golden Pudel oder kleineren Etablissements.
Doch der Ruhm hatte Schattenseiten. 2016 kam die ganz große Großrazzia: Hunderte Einsatzkräfte durchsuchten das Gebäude, es gab Festnahmen, Vorwürfe von Zuhälterei, Menschenhandel und Steuerhinterziehung. Die Medien titelten monatelang „Artemis-Skandal“. Später stellte sich vieles als überzogen heraus: 2023 entschuldigte sich die Berliner Justizsenatorin öffentlich bei den Betreibern und das Land Berlin zahlte 250.000 € Entschädigung wegen unrechtmäßiger U-Haft und rufschädigender Äußerungen der Staatsanwaltschaft.
Seitdem läuft der Betrieb weiter – aber die Şimşek-Brüder kämpfen permanent um Erweiterung und Absicherung. Seit 2019 versuchen sie, eine 4000-m²-Lagerhalle direkt gegenüber der A100 in ein zweites Bordell umzuwandeln (32 Verrichtungszimmer + Ruheräume geplant). Der Bezirk blockte lange, das Land gab keine Genehmigung – bis Ende 2024 die Gerichte den Betreibern Recht gaben. Das „Ersatz-Artemis“ ist also bereits genehmigt. Ob es je gebaut wird, hängt jetzt wohl vom großen Turm-Plan ab.
2026: Der Sprung vom Rotlicht ins Hochhaus-Business
Genau hier setzt die aktuelle Story ein (Tagesspiegel & Co., 12.–16. Februar 2026). Die Şimşeks denken nicht mehr nur in Etagen, sondern in Höhenmetern. Statt das alte Gebäude zu pimpen oder nur gegenüber zu erweitern, soll das gesamte Grundstück platt gemacht werden. An seine Stelle tritt ein >200 m hoher Turm – Berlins neues höchstes profanes Gebäude.
Warum ausgerechnet dort? Die Lage ist brutal pragmatisch:
- Direkt an der A100 (gute Anbindung)
- Messegelände / ICC in Sichtweite (Messe-Besucher brauchen Betten)
- Halensee / City West entwickelt sich ohnehin rasant
Kritik hagelt es trotzdem – vor allem von links. Rüdiger Deißler (Die Linke, BVV Charlottenburg-Wilmersdorf) nennt das Projekt einen „Turmbau zu Babel“ und ein „Monstrum“ in direkter Sichtachse zum Funkturm (nur 150 m hoch), dem alten West-Berliner Wahrzeichen. Statt Luxus-Türme brauche die Stadt Wohnungen. Die Bezirksverwaltung hält sich bedeckt; das Baukollegium soll am 23. Februar 2026 erstmals beraten. Bisher ist alles nur Konzept – kein offizieller Bauantrag.
Was bleibt vom Artemis? Und was sagt das über Berlin?
Selbst wenn der Turm kommt: Die Şimşeks wollen den Betrieb nicht aufgeben. Das neue Bordell gegenüber der A100 könnte dann die Hauptrolle übernehmen – quasi ein „Artemis 2.0“ in Sichtweite des alten Platzes. Symbolisch stark: Das Rotlicht bleibt, wird aber vom Glaspalast überragt.
Die Geschichte zeigt, wie sich Berlin in 20 Jahren verändert hat. 2005 stand die Stadt für Liberalisierung, Hedonismus und „alles geht“. 2026 geht es um Investorenrendite, Messe-Tourismus und Hochhaus-Rekorde – selbst wenn der Ausgangspunkt ein Bordell ist.
Berlin bleibt Berlin: Hier wird aus einem ehemaligen Lagerhaus erst ein Mega-Puff, dann vielleicht der höchste Turm der Stadt. Und irgendwo dazwischen liegt die Frage, was diese Stadt eigentlich will: bezahlbare Wohnungen, mehr Glitzer oder einfach beides – nur nicht nebeneinander.
Was denkt ihr? Würdet ihr den 200-Meter-Tower feiern – oder vermisst ihr dann doch das alte, laute, unverschämte Artemis? Und wo sollte Berlins nächster echter Skyline-Brocken eigentlich wirklich hingehen?
Schreibt eure Meinung in die Kommentare – je kontroverser, desto besser. Berlin lebt von solchen Debatten.
Quellen: Tagesspiegel (12.02.2026), B.Z. (13.–16.02.2026), Berliner Morgenpost, rbb24, Wikipedia-Artikel Artemis (Bordell), diverse Gerichtsberichte 2016–2024
Bleibt wach – in Berlin ändert sich gerade mal wieder alles. 🚀🪩
